das konzept

the concept

Alle Museumsobjekte haben eine eigene Geschichte und sind auf unterschiedlichsten Wegen ins GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig nach Sachsen gelangt. Sie erzählen nicht nur von fernen Ritualen oder Religionen, sondern auch von kolonialen Kriegen, Konflikten, Begegungen, entstandener Leere oder von uns selbst.

Die kritischen Debatten rund um das Humboldtforum in Berlin, die Ankündigung des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron im November 2017, afrikanische Kulturgüter aus französischen Museen zurückzugeben oder der im Mai 2018 vom Deutschen Museumsbund herausgegebene Leitfaden zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten - all das stellt die bisherigen Konzepte ethnologischer Museen europaweit in Frage.

Mit WERKSTATT PROLOG werden Fragestellungen zu Identität, Rassismus, Fremdheit, Objetkbiografien, Sammlungsgeschichte, der Umgang mit menschlichen Gebeinen, Nord-Süd-Beziehungen, globaler Ungleichheit und Restitution vermittelt und diskutiert.

In WERKSTATT PROLOG flüstern Sammlungsobjekte in Kisten, werden anonyme historische Porträts projiziert, veranschaulicht eine absurde Wunderkammer Sammlungs- und Klassifikationswut, erzählen Kustodinnen, warum sie Ethnologie studiert haben. In einem Wohnzimmer sind die Besonderheiten unserer Gesellschaft, ihrer Kuriositäten oder Widersprüche aus der Sicht von Geflüchteten zu erleben. Ein Schaudepot zeigt Kunst- und Kulturobjekte des ehemaligen Königreichs Benin (Nigeria), das 1897 zerstört wurde. Wie emotional das Thema Benin-Bronzen bis heute für Nigerianer*innen ist, veranschlaulichen Interviews, die 2018 in Benin-City entstanden sind. Was die Rückgabe von menschlichen Gebeinen aus den Sammlungsbeständen des Museums für die Hinterbliebenen auch nach mehreren Generationen bedeuetet, macht eine Filmdokumentation spürbar, die anlässlich der ersten Restitution des Freistaates Sachsen von Gebeinen an Hawai'i im Oktober 2017 entstand.

Im Dezember 2016 startete "Prolog #1-10. Erzählungen von Menschen, Dingen und Orten" als Ausstellungsexperiment in unserer Schwesterinstitution, dem Museum für Völkerkunde Dresden, im Japanischen Palais. Das GRASSI Museum für Völkerkunde führt das Experiment mit adaptierten Bausteinen als WERKSTATT PROLOG fort und bereitet so die zukünftige Sammlungspräsentation vor, die schrittweise bis 2022 in Zusammenarbeit mit Denker*innen, Forscher*innen, Künstler*innen und vielen anderen Persönlichkeiten aus den Ländern, aus denen die Objekte des Museums stammen, entwickelt und umgesetzt werden.WERKSTATT PROLOG wird so Raum geben, für mannigfaltige Formen von Wissen und Multiperspektivität.

Wir laden Dich ein, aktiv mitzudenken, Wünsche für unsere zukünftige Sammlungspräsentation zu äußern, zu zeichnen oder in Büchern zu blättern. WERKSTATT PROLOG möchte zum Mitmachen, spielerischen Lernen, aber auch zum Nachdenken über uns selbst anregen. 

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All museum objects bear a unique history and have reached the GRASSI Museum of Ethnology in Leipzig in Saxony in a variety of ways. They tell not only of distant rituals or religions, but also of colonial wars, conflicts, encounters, or of voids that have arisen or of ourselves.

The critical debates surrounding the Humboldtforum in Berlin, the announcement by French President Emmanuel Macron in November 2017 to return African cultural assets from French museums, or the guidelines published by the Deutscher Museumsbund (German Museum Association) in May 2018 on the handling of collections from colonial contexts – all this calls into question the previous concepts of ethnological museums throughout Europe.

The museum will use WERKSTATT PROLOG to address and discuss questions about identity, racism, alienation, the biographies of objects, the history of the collection, the handling of human remains, North-South relations, global inequality, and restitution.

In WERKSTATT PROLOG, collection objects whisper in boxes, curators tell us why they studied ethnology. In a living room, one can experience the characteristics of our society, its peculiarities or paradoxes from the perspective of the refugees. An exhibition depot shows art and cultural objects of the former kingdom of Benin (now Nigeria), which was destroyed in 1897. Interviews conducted in Benin City in 2018, illustrate just how emotional the subject of the Benin Bronzes still is for Nigerians today. What the return of human remains from our collection means for the bereaved, even after several generations, can be seen in a film documentary that was produced on the occasion of the first restitution of bones by the Free State of Saxony to Hawai’i in October 2017.

In December 2016 "Prolog #1-10: Stories of People, Things and Places" launched as an exhibition experiment in our sister institution, the Dresden Museum of Ethnology, in the Japanisches Palais. The GRASSI Museum für Völkerkunde now continuing the experiment with adapted elements as WERKSTATT PROLOG and are thus preparing the future presentation, which will develop and implement in stages by 2022 in collaboration with thinkers, researchers, artists and many other personalities from the countries from which the museum's objects originate. WERKSTATT PROLOG will thereby provide a platform for manifold forms of knowledge and multi-perspectivity.

Active participation is welcome! Feel free to express your thoughts and wishes for our future collection presentation. You can also make drawings or leaf through books. WERKSTATT PROLOG would like to encourage participation and hands-on learning, as well as self-reflection.

die kuratorin

Foto: Vera Marusic

Foto: Vera Marusic

Nanette Jacomijn Snoep versucht, Museen mit ethnologischen Sammlungen mittels post-kolonialer Methode und Perspektiven neu zu denken, und dabei viel Raum für mannigfaltige Formen von Wissen und Multiperspektivität zu geben. Im Museum rückt sie Fragestellungen zum kolonialen Erbe, den Umgang mit menschlichen Gebeinen, Objektbiografien, die Geschichte des Erwerbskontextes von Sammlungsobjekten in den Fokus.

In diesem Kontext wurden im Oktober 2017 menschliche Gebeine aus der Anthropologischen Sammlung des Dresdner Museums für Völkerkunde - erstmals für den Freistaat Sachsen - nach Hawai'i restituiert. Weitere Rückgaben von menschlichen Gebeinen werden vorbereitet.

Vor ihrem Amtsantritt 2015 in Deutschland, war Nanette Jacomijn Snoep 15 Jahre lang am Pariser Quai Branly Museum tätig, zuletzt als Hauptkustodin der Sammlung "Historical and Contemporary Globalisation". Daneben hat sie als diplomierte Ethnologin der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales (mit Schwerpunkt Afrika) zehn Jahre lang afrikanische Kunstgeschichte und Sammlungsgeschichte an der Ecole du Louvre in Paris sowie an der Université Nanterre, Paris, gelehrt.

Während ihrer Tätigkeit für das Quai Branly Museum hat sie internationale Ausstellungen kuratiert, darunter "Recettes des Dieux" (2009), "Exhibitions, l'Invention du Sauvage" (Völkerschauen, Die Erfindung des Wilden, 2011), die den Prix du Cristal/beste Ausstellung Frankreichs im Jahr 2011 erhalten hat und "Les Maitres du Désordre (2012) mit Stationen in der Kunsthalle Bonn 2012 (Narren.Künstler.Heilige.Lob der Torheit, 2012) und der Fundacio La Caixa (Los Maestros del Caos, Madrid 2013). 2008 hat sie die Ausstellung "1931. Les étrangers au temps de l'Exposition coloniale" für das neu eröffnete Immigrationsmuseum/Cité Nationale de l'Histoire de l'Immigration in Paris kuratiert. Für Straßburg richtete sie 2014 ein privates Museum in einem ehemaligen Wasserturm ein. Dafür entwickelte sie die Ausstellung "Voodoo. The Art of Seeing Differently".

Nanette Jacomijn Snoep hat zahlreiche Publikationen herausgegeben, darunter "Human Zoos. The Invention of the Savage" (2011) oder "Voodoo. The Arbogast Collection" (2013). Für den Sammelband Museumskunde des Deutschen Museumsbundes hat sie 2016 den Artikel "From Paris to Berlin and back: 15 years of debate on what a twenty-first museum of world cultures could be" publiziert. In Zusammenhang mit den heutigen Debatten rund um Museen für Weltkulturen erschien in der Welt am 20.02.2018 ihr Artikel "Schluss mit dem System der Kolonialität!".